Der gesunde Menschenverstand – ein Begriff, der so alltäglich erscheint, dass wir selten darüber nachdenken, was ihn eigentlich ausmacht. Aus libertärer Perspektive offenbart sich hier ein faszinierendes Paradoxon: Gerade die Prinzipien, die uns als gesunder Menschenverstand erscheinen – etwa dass man andere nicht bestehlen, angreifen oder töten darf – werden von staatlichen Akteuren routinemäßig verletzt, wenn auch unter dem Deckmantel der Autorität. Der amerikanische Philosoph Michael Huemer argumentiert in seinem Werk über den „Common-Sense Libertarianism“, dass libertäre Schlussfolgerungen nicht aus abstrakten philosophischen Axiomen, sondern aus eben jenem gesunden Menschenverstand erwachsen, den wir alle teilen.
Was macht nun gesunden von „ungesundem“ Menschenverstand unterscheidbar? Die Antwort liegt weniger in den Inhalten als in der Methode. Thomas Reid, der schottische Begründer der Common-Sense-Philosophie, identifizierte gesunden Menschenverstand anhand spezifischer Merkmale: Die Leugnung eines Common-Sense-Prinzips sei nicht nur falsch, sondern absurd; solche Prinzipien seien für das Überleben und die Erhaltung aller Menschen notwendig; und sie genössen die Zustimmung über Zeitalter und Nationen hinweg. Der gesunde Menschenverstand ist also nicht einfach das, was die Mehrheit denkt, sondern das, was sich über Kulturen und Epochen hinweg als unverzichtbar für menschliches Zusammenleben erwiesen hat.
Die schottische Aufklärung
Die philosophische Auseinandersetzung mit dem gesunden Menschenverstand erreichte ihren Höhepunkt während der schottischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Reid entwickelte seine Philosophie als Antwort auf den Skeptizismus David Humes, dessen Argumentation er zwar als logisch stringent anerkannte, deren Schlussfolgerungen er jedoch als unvereinbar mit dem gesunden Menschenverstand betrachtete. Hier zeigt sich ein entscheidendes Merkmal des gesunden Menschenverstands: Er kann philosophischen Spitzfindigkeiten standhalten, gerade weil er auf direkter Erfahrung und nicht auf abstrakten Herleitungen beruht.
Ein zeitgenössischer Autor des Libertarian Christian Institute beklagt, dass der gesunde Menschenverstand heute nicht mehr so verbreitet sei wie früher – wir hätten nur noch unsere individuellen Sinneswahrnehmungen, aber nichts Gemeinsames mehr. Diese Diagnose trifft einen wichtigen Punkt: Der „ungesunde Menschenverstand“ entsteht oft durch ideologische Überformung natürlicher Intuitionen. Wenn etwa staatliche Bildungssysteme lehren, dass Zwang und Umverteilung moralisch geboten seien, wird der ursprüngliche Common Sense – dass Raub falsch ist, egal wer ihn begeht – durch eine künstliche Doktrin ersetzt.
Spontane Ordnung versus konstruierte Vernunft
Ein zentrales Konzept libertären Denkens ist die spontane Ordnung: Die wichtigsten Institutionen menschlicher Gesellschaft – Sprache, Recht, Geld und Märkte – entwickelten sich alle spontan, ohne zentrale Lenkung. Der gesunde Menschenverstand erkennt intuitiv die Überlegenheit gewachsener gegenüber konstruierten Ordnungen. Er misstraut grandiosen Gesellschaftsentwürfen und bevorzugt evolutionäre Anpassung gegenüber revolutionärem Umsturz.
Friedrich August von Hayek unterschied zwischen zwei Arten von Rationalismus: dem konstruktivistischen, der glaubt, alle gesellschaftlichen Institutionen müssten bewusst geplant werden, und dem kritischen, der die Grenzen menschlicher Vernunft anerkennt. Der gesunde Menschenverstand neigt zum kritischen Rationalismus – er weiß um die „Anmaßung von Wissen“, die darin liegt, komplexe gesellschaftliche Prozesse zentral steuern zu wollen. Der ungesunde Menschenverstand hingegen verfällt dem Machbarkeitswahn und glaubt, durch genügend Planung und Kontrolle ließen sich alle Probleme lösen.
Verführung durch scheinbare Plausibilität
Was den ungesunden vom gesunden Menschenverstand unterscheidet, ist oft eine oberflächliche Plausibilität, die einer tieferen Prüfung nicht standhält. „Wir müssen die Reichen besteuern, um den Armen zu helfen“ klingt zunächst einleuchtend und mitfühlend. Der gesunde Menschenverstand fragt jedoch weiter: Wer entscheidet, was „reich“ ist? Wie effizient ist diese Umverteilung? Welche Anreize setzt sie? Und vor allem: Mit welchem Recht nimmt A dem B etwas weg, um es C zu geben?
John Hasnas argumentiert in seinem Werk über „Common Law Liberalism“, dass Gerechtigkeit als eine Art Verkehrsmanagement verstanden werden sollte: Der Sinn von Institutionen wie Eigentumsrechten bestehe nicht darin, zeitlose Axiome zu verwirklichen, sondern Konflikte zu vermeiden, indem geklärt wird, wer in einer bestimmten Situation Vorfahrt hat. Diese pragmatische Sichtweise entspricht dem gesunden Menschenverstand, der nicht nach perfekten Lösungen sucht, sondern nach funktionierenden Arrangements für das Zusammenleben.
Tyrannei der guten Absichten
Der ungesunde Menschenverstand zeichnet sich durch eine gefährliche Kombination aus: gute Absichten gepaart mit systematischer Ignoranz gegenüber Zweitrundeneffekten. Mindestlohngesetze sollen Armut bekämpfen, führen aber zu Jugendarbeitslosigkeit. Mietpreisbremsen sollen bezahlbaren Wohnraum schaffen, verknappen aber das Angebot. Protektionismus soll heimische Arbeitsplätze schützen, macht aber alle ärmer.
Der Ökonom Thomas Sowell prägte den Begriff „cosmic justice“ für den Versuch, durch staatliche Intervention perfekte Gerechtigkeit herzustellen. Der gesunde Menschenverstand erkennt die Unmöglichkeit dieses Unterfangens. Er akzeptiert, dass das Leben nicht fair ist und dass der Versuch, es durch Zwang fair zu machen, oft mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Libertarismus schlägt eine Gesellschaft der Freiheit unter dem Gesetz vor, in der Individuen frei sind, ihr eigenes Leben zu verfolgen, solange sie die gleichen Rechte anderer respektieren.
Der ungesunde Menschenverstand hingegen kann nicht akzeptieren, dass manche Probleme keine politischen Lösungen haben. Er fordert für jedes Übel ein Gesetz, für jede Ungerechtigkeit eine Behörde, für jedes Risiko eine Regulierung. Dabei übersieht er die Weisheit von H.L. Mencken: „Für jedes komplexe Problem gibt es eine Antwort, die klar, einfach und falsch ist.“
Die Rückkehr zum Selbstverständlichen
Die Unterscheidung zwischen gesundem und ungesundem Menschenverstand ist letztlich eine zwischen Demut und Hybris. Der gesunde Menschenverstand respektiert die Komplexität gesellschaftlicher Prozesse und die Begrenztheit menschlichen Wissens. Er vertraut auf freiwillige Kooperation und spontane Ordnung. Der ungesunde Menschenverstand hingegen glaubt, durch genügend Macht und guten Willen ließen sich alle Probleme lösen – eine Illusion, die historisch zu den größten Katastrophen der Menschheit geführt hat.
In einer Zeit, in der staatliche Eingriffe in nahezu alle Lebensbereiche als normal gelten, mag die libertäre Rückbesinnung auf den gesunden Menschenverstand radikal erscheinen. Doch wie Huemer zeigt, sind es gerade die alltäglichen moralischen Intuitionen – das Nicht-Aggressions-Prinzip, die Anerkennung der Zwangsnatur staatlichen Handelns und die Skepsis gegenüber Autorität –, die zu libertären Schlussfolgerungen führen.
Der gesunde Menschenverstand war schon immer subversiv gegenüber der Macht. Es ist Zeit, ihm wieder mehr zu vertrauen.
