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Leben in der Postdemokratie (6)
Teil 6: Postscriptum - Kritik an Colin Crouchs Theorie

Veröffentlicht am 4. Dezember 202524. November 2025 von Thorsten Cöhring

Einer der faszinierendsten Aspekte der Postdemokratie-Debatte: Die Diagnose war richtig, aber die propagierte politische Richtung war fundamental falsch. Colin Crouch schrieb aus einer sozialdemokratisch-linken Perspektive und sah die Hauptbedrohung in der Dominanz neoliberaler Wirtschaftseliten und multinationaler Konzerne, die demokratische Institutionen aushöhlen, um Deregulierung, Steuersenkungen und Marktradikalisierung durchzusetzen. Seine Sorge galt der Entmachtung des Sozialstaates, der Privatisierung öffentlicher Güter und der Unterwerfung der Politik unter wirtschaftliche Imperative. Die Postdemokratie sollte nach Crouch ein Werkzeug des Finanzkapitalismus sein, eine Herrschaft der Märkte über die Politik. Doch die Realität entwickelte sich anders. Genau das Gegenteil geschah.

1. Nicht Deregulierung, sondern Hyperregulierung

Statt dass Märkte entfesselt wurden, explodierte die Regulierungsdichte. Die EU produziert jährlich Zehntausende Seiten neuer Vorschriften – von Glühbirnenverboten über Datenschutzgrundverordnung bis zu Lieferkettengesetzen. In Deutschland ist die Zahl der Gesetze und Verordnungen seit den 1990er Jahren drastisch gestiegen. Die postdemokratische Elite setzt nicht auf Marktfreiheit, sondern auf bürokratische Steuerung in nahezu allen Lebensbereichen: Ernährung, Energie, Mobilität, Wohnen, Sprache, Denken.

2. Nicht Privatisierung, sondern Staatsexpansion

Der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP), dem Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen innerhalb einer Wirtschaftsperiode, ist nicht gesunken, sondern gestiegen – in Deutschland von etwa 45% in den 1990ern auf zeitweise über 50% (besonders während Corona). Statt Privatisierung sehen wir Re-Verstaatlichung: Energiekonzerne werden teilverstaatlicht, Rettungspakete sozialisieren Verluste, und der Wohlfahrtsstaat expandiert kontinuierlich. Die Idee des „schlanken Staates“ ist politisch tot – keine der alteingesessenen Parteien vertritt sie noch ernsthaft.

3. Nicht wirtschaftsliberale, sondern progressive Moral-Agenda

Die politische Elite verfolgt keine neoliberale Agenda, sondern eine linksliberal-progressive: Gender-Mainstreaming, Diversitätsquoten, Klimaaktivismus, identitätspolitische Sprachregulierung, Migration als moralisches Projekt. Das sind keine Anliegen von Großkonzernen (die sie allenfalls opportunistisch übernehmen), sondern von NGOs, akademischen Milieus und staatlich geförderten Aktivisten.

4. Nicht Markt-Korporatismus, sondern Staat-NGO-Korporatismus

Crouch hatte recht mit der Diagnose korporatistischer Verflechtungen – aber er identifizierte die falschen Akteure. Die entscheidenden Player sind nicht Finanzkonzerne und Industrieverbände (die haben Einfluss, aber nicht die ideologische Hegemonie), sondern:

  • NGOs wie Greenpeace, Amnesty, Open Society Foundations
  • Internationale Institutionen wie UN, WHO, EU-Kommission
  • Staatsfinanzierte Aktivisten (allein in Deutschland fließen Milliarden in „Zivilgesellschaft“ und „Demokratieförderung“)
  • Medien und Akademia als ideologische Verstärker

Diese Allianz treibt eine paternalistische, moralisierende Agenda voran – keineswegs eine marktradikale.

Die ideologische Verkehrung

Das Paradoxon ist also: Crouchs Mechanismen – Aushöhlung demokratischer Kontrolle, Herrschaft von Eliten, Inszenierung statt Debatte, Entmündigung der Bürger – traten genau so ein. Aber die Inhalte sind nicht neoliberal-kapitalistisch, sondern linksliberal-progressiv-paternalistisch.

Crouch wollte vor der Herrschaft der Märkte warnen und forderte mehr staatliche Intervention, mehr Umverteilung, mehr Regulierung. Doch genau diese Politik wurde umgesetzt – und führte zur Postdemokratie, weil sie:

  • Bürger entmündigt („wir wissen besser, was gut für euch ist“)
  • Alternativlosigkeit postuliert („Klimaschutz duldet keine Verzögerung“)
  • Moralische Imperative setzt, die Debatten ersticken („wer dagegen ist, ist unmoralisch“)
  • Expertokratie installiert (Ethikräte, Klimaräte, WHO-Vorgaben)

Macht ist das Problem, nicht ihre ideologische Verpackung

Aus libertärer Sicht ist dieses Paradoxon aufschlussreich, aber nicht überraschend. Das Problem ist nicht, ob Eliten „links“ oder „rechts“, progressiv oder konservativ, pro-Markt oder pro-Staat sind. Das Problem ist die Konzentration von Macht ohne demokratische Kontrolle.

Crouch identifizierte die Machtstrukturen korrekt, aber er machte den klassischen linken Fehler: Er glaubte, die Lösung läge in noch mehr Staat, noch mehr Regulierung, noch mehr „Demokratisierung der Wirtschaft“. Doch genau diese Instrumente wurden von einer neuen Elite übernommen und für ihre eigenen Zwecke eingesetzt – nicht für soziale Gerechtigkeit, sondern für moralischen Paternalismus.

Die postdemokratische Ordnung ist also nicht das Ergebnis von „zu viel Markt“, sondern von zu viel konzentrierter Macht – egal, wer sie ausübt. Crouchs Diagnose war erstklassig, seine Therapie fatal: Er wollte die Krankheit mit einer höheren Dosis des Giftes heilen.

Die bittere Ironie

Die größte Ironie ist vielleicht, dass Crouchs Werk selbst instrumentalisiert wurde: Seine Kritik der Postdemokratie wird heute von der progressiven Elite genutzt, um mehr staatliche Intervention zu rechtfertigen – genau jene Intervention, die die Postdemokratie erst möglich machte.

Beispiel: Wenn Kritiker beklagen, dass Konzerne zu viel Macht haben, lautet die Antwort: „Wir brauchen mehr Regulierung!“ (was die Macht der regulierenden Bürokratie vergrößert). Wenn Bürger sich entfremdet fühlen, lautet die Antwort: „Wir brauchen mehr Bürgerdialoge!“ (die als inszenierte Pseudo-Partizipation enden). Wenn Medien gleichgeschaltet scheinen, lautet die Antwort: „Wir brauchen Kampf gegen Desinformation!“ (was Zensur legitimiert).

Crouch wollte die Demokratie retten durch mehr Staat. Stattdessen schuf der expandierende Staat die Postdemokratie – nur unter anderen ideologischen Vorzeichen als erwartet.

Ja, es ist zutiefst paradox – aber auch lehrreich. Es zeigt, dass Machtkritik ideologieneutral sein muss. Die libertäre Position ist hier konsistent: Egal, ob Eliten sich als Verteidiger des freien Marktes oder als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit inszenieren – wenn sie Macht konzentrieren, ausüben und demokratischer Kontrolle entziehen, sind sie gefährlich. Crouch erkannte die Gefahr, verfehlte aber die Ursache. Und seine Lösung wurde Teil des Problems.

Damit endet meine Hexalogie zum Thema Postdemokratie. Ich hoffe, ich konnte Ihnen eine paar Stichpunkte für eigene Reflexionen liefern.

Tags: DemokratiePostdemokratie
Category: AllgemeinGesellschaftPolitik

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