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Das Ende des Seins
Über die existenziellen Risiken der Menschheit

Veröffentlicht am 12. März 20268. März 2026 von Thorsten Cöhring

Die Menschheit wird auf dem Planeten Erde eines Tages aussterben. Die Frage ist nur: Wann und Wie. Die Frage nach dem Wann lässt sich kaum begründbar beantworten. Interessanter ist da schon die Frage nach dem Wie.

Es ist eine seltsame Eigenheit des menschlichen Geistes, dass er sich lieber mit sorglosem Konsum und kurzfristigen Skandalen beschäftigt als mit den wirklich fundamentalen Fragen seiner eigenen Existenz. Wann haben Sie zuletzt ernsthaft darüber nachgedacht, dass unsere Spezies – diese erstaunlich erfindungsreiche, bisweilen brillante, häufig selbstzerstörerische Kreatur – endlich ist? Nicht nur individuell, sondern kollektiv. Der Philosoph und Oxford-Forscher Toby Ord hat es in seinem Buch „The Precipice“ auf den Punkt gebracht: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit dieses Jahrhundert nicht überlebt, schätzt er auf die erschreckende Quote von eins zu sechs – eine Überlebenschance schlechter als beim russischen Roulette. Was ihn dabei am meisten beunruhigt, sind nicht Asteroiden oder Supervulkane. Es sind wir selbst.

Die Beruhigung der Statistik – und ihre Tücken

Die gute Nachricht zuerst: Natürliche Bedrohungen sind vergleichsweise harmlos. Die Menschheit existiert seit rund 300.000 Jahren und hat Eiszeiten, Pandemien, Supervulkanausbrüche und kosmische Zufälle überlebt. Das Risiko, in diesem Jahrhundert durch einen Asteroiden ausgelöscht zu werden, liegt bei etwa eins zu einer Million. Gammablitze und Supernovae aus unserer kosmischen Nachbarschaft? Etwa eins zu einer Milliarde. Selbst ein Supervulkan vom Kaliber des Yellowstone erreicht statistisch nur eine Wahrscheinlichkeit von eins zu zehntausend für eine existenzielle Katastrophe. Kosmos und Natur sind uns gegenüber, zumindest vorläufig, erstaunlich gnädig.

Die schlechte Nachricht: Das alles gilt nicht für die Risiken, die wir selbst erzeugen. Hier ist die Menschheit in den letzten Jahrzehnten in ein Territorium vorgestoßen, für das es keine historischen Präzedenzfälle gibt – und damit auch keine evolutionär erprobten Überlebensstrategien. Das macht diese Risiken so heimtückisch: Wir können nicht auf Erfahrung zurückgreifen. Wir navigieren blind.

KI: Das unbekannte Wesen, das wir erschaffen

Die mit Abstand größte Einzelbedrohung ist nach Einschätzung führender Forscher die Entwicklung einer Superintelligenz, deren Ziele nicht mit menschlichen Werten übereinstimmen – im Fachjargon als „misaligned AI“ bezeichnet. Toby Ord schätzt dieses Risiko auf eins zu zehn für das laufende Jahrhundert. Das klingt abstrakt, ist aber von bestechender Logik: Ein System, das der menschlichen Intelligenz in allen relevanten Dimensionen überlegen ist, würde uns nicht notwendigerweise feindlich gesinnt sein müssen. Es würde uns schlicht – irrelevant werden lassen. So wie wir keine Schafsherden ausrotten, sie aber trotzdem nach unserem Gutdünken verwalten.

Hier scheiden sich interessanterweise auch innerhalb libertären Denkens die Geister. Die klassisch-liberale Intuition ist klar: Regulierung hemmt Innovation, staatliche Eingriffe in Technologieentwicklung sind paternalistisch und gefährlich. Das stimmt. Und dennoch: KI ist kein gewöhnliches Gut, das man am freien Markt reifen lassen kann wie eine neue Smartphone-Generation. Es handelt sich um eine Technologie, die – wenn sie falsch entwickelt wird – keine zweite Chance erlaubt. Das marktwirtschaftliche Korrektiv des Scheiterns, das sonst segensreich wirkt, funktioniert nur dann, wenn man aus Fehlern lernen kann. Ein existenzieller Fehler erlaubt das nicht. Dies ist eines der wenigen Gebiete, auf dem auch überzeugte Libertäre über koordinierte internationale Rahmenbedingungen zumindest nachdenken sollten – nicht aus Begeisterung für Regulierung, sondern aus nüchterner Risikoabwägung.

Biotechnologie: Die demokratisierte Apokalypse

Noch unmittelbarer, weil technisch bereits weiter fortgeschritten, ist das Risiko durch synthetische Biologie. Die „Gain-of-Function“-Forschung – also die gezielte Verstärkung der Übertragbarkeit oder Tödlichkeit von Krankheitserregern – ist kein Science-Fiction-Szenario mehr. Sie findet in Labors statt, wird von Regierungen finanziert und von Institutionen mit erschreckend wenig Aufsicht betrieben. Toby Ord veranschlagt das existenzielle Risiko durch biotechnologische Katastrophen auf eins zu dreißig in diesem Jahrhundert.

Was die Lage besonders brisant macht: Diese Technologie „demokratisiert“ sich rasant. Was vor zwanzig Jahren noch Dutzende Millionen Euro und Staatsressourcen erforderte, wird zunehmend zugänglich für kleine, böswillige Akteure. Die Bedrohung geht also nicht nur von staatlichen Akteuren oder militärischen Programmen aus, sondern potenziell von Gruppen, die in keiner Sicherheitsarchitektur der Welt zuverlässig erfasst werden. Libertäre, die staatliche Überwachung – zu Recht – ablehnen, stehen hier vor einem echten Dilemma: Wie schützt man eine offene Gesellschaft vor Bedrohungen, die von innen kommen, ohne sie im Prozess in eine Überwachungsgesellschaft zu verwandeln? Eine befriedigende Antwort hat bisher niemand geliefert.

Nuklearer Winter und permanente Dystopie

Der Nuklearkrieg – lange das klassische Endzeitbild der westlichen Zivilisation – rangiert in Ords Risikoabschätzung mit eins zu tausend tatsächlich deutlich niedriger als KI oder Biotechnologie. Das ist keine Entwarnung, sondern Kontextualisierung. Die Hauptgefahr liegt dabei weniger in den unmittelbaren Explosionen als in den sekundären Effekten: Rußpartikel in der Stratosphäre würden die Sonneneinstrahlung über Jahre blockieren, Ernten vernichten, globale Hungersnöte auslösen. Die menschliche Zivilisation würde nicht an der Strahlung sterben, sondern am Hunger.

Daneben verdient ein Szenario besondere Aufmerksamkeit, das in öffentlichen Debatten fast vollständig ignoriert wird: die permanente Dystopie. Eine Welt, in der technologisch gestützte Unterdrückung – Massenüberwachung, algorithmische Verhaltenskontrolle, biometrische Identifikation – so tief in die Gesellschaftsstruktur eingewoben ist, dass sie schlicht nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Keine Apokalypse, kein Knall. Nur die schleichende, unumkehrbare Transformation freier Menschen in verwaltete Untertanen. Für Libertäre ist dieses Szenario womöglich das beunruhigendste überhaupt – nicht weil die Menschheit ausstirbt, sondern weil sie in einer Weise weiterlebt, die des Namens nicht mehr würdig ist. Nick Bostrom nennt solche Zustände „locked-in scenarios“: Situationen, in denen die Menschheit zwar technisch überlebt, aber ihr Potenzial für eine freie, würdige Entwicklung dauerhaft verspielt hat.

Konsequenzen: Was tun mit dem Wissen um den Abgrund?

Die rationalste Antwort auf diese Erkenntnis wäre – und das ist keine libertäre Spezialposition, sondern schlichte Vernunft – eine massive Umschichtung kollektiver Aufmerksamkeit hin zu diesen Fragen. Stattdessen debattiert die deutsche Politik über Bürgergeldsätze und Rundfunkgebühren, während die transformativsten und gefährlichsten Technologien der Menschheitsgeschichte mit minimialer demokratischer Kontrolle und erschreckend wenig philosophischer Reflexion entwickelt werden.

Das bedeutet nicht zwingend mehr Staat. Es bedeutet klügere Institutionen: transparente Forschungsregister für biologische Gefahrstoffarbeiten, internationale Verifikationsmechanismen für KI-Entwicklung, ernsthafte philosophische Auseinandersetzung mit den Werten, die wir in zukünftige Systeme einschreiben wollen. Und es bedeutet eine Gesellschaft, die bereit ist, unbequeme Fragen zu stellen – auch über sich selbst. Die Menschheit ist nicht das unvermeidliche Opfer kosmischer Gleichgültigkeit. Sie ist, nach allem was wir wissen, der wahrscheinlichste Urheber ihres eigenen Endes. Das ist beunruhigend. Aber es enthält auch eine seltsame Ermächtigung: Was wir selbst verursachen können, können wir – zumindest theoretisch – auch verhindern.

Weiterführende Quellen

  • Toby Ord – The Precipice: Existential Risk and the Future of Humanity (80,000 Hours Podcast-Interview) Ausführliches Gespräch mit dem Oxford-Philosophen über Wahrscheinlichkeiten, Szenarien und ethische Konsequenzen existenzieller Risiken.
  • Nick Bostrom – Existential Risk Threats to humanity’s future.
  • Machine Intelligence Research Institute (MIRI) Führende Forschungsorganisation zur Frage der KI-Sicherheit und Ausrichtung künstlicher Intelligenz auf menschliche Werte.
  • Johns Hopkins Center for Health Security – Biosecurity Wissenschaftliche Analyse biologischer Bedrohungen, Pandemierisiken und Governance-Fragen im Bereich Biotechnologie.
  • Existential Risk Observatory – Risks Overview Übersichtliche, gut gepflegte Seite einer unabhängigen Forschungsorganisation, die alle wesentlichen existenziellen Risiken (KI, Biotechnologie, Nuklear, Klimawandel) systematisch aufbereitet – mit aktuellen Quellenangaben.
  • GLOBAÏA – Existential Risks Interaktive, datenbasierte Aufbereitung existenzieller Risiken mit Visualisierungen, Planetaren Kipppunkten und umfangreichen Literaturangaben.
Tags: MenschheitRisikenZukunft
Category: AllgemeinGesellschaftPhilosophie

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